Lagos-London und zurück

Sozialisiert mit amerikanischem HipHop, erkannte Obongjayar irgendwann, dass diese Musik seinem Lebenslauf nicht gerecht wird. Geboren in Nigeria, mit 17 nach Großbritannien emigriert, entdeckte er erst dort, welche Bedeutung seine Heimat für ihn und seine Musik haben kann.
Auch Obongjayar kommt nicht an Nigerias Lichtgestalt Fela Kuti vorbei. Felas Erbe fließt auch in die Sounds Obongjayars ein. Dennoch wäre es zu einfach, die Musik des Debütalbums "Some nights I dream of doors" unter Afropop zu katalogisieren. In den 12 Stücken des Albums frönt der junge Nigerianer auch seiner Liebe zum HipHop, er mischt viel Soul unter, gibt Raum für Balladen und entwickelt mit Luftigkeit einen eigenen Sound.
OB, wie Insider ihn nennen, meint sogar:"No one’s doing what I’m doing. What I’m making is fresh." Nun, das ist auf jeden Fall selbstbewusst. Aber man muss Obonjayars Debüt uneingeschränkt zugestehen, dass es etwas Besonderes ist. Aus diesem Grund: Die dringende Empfehlung, das heute erscheinende "Some nights I dream of doors" käuflich zu erwerben und mit gespitzten Ohren zu hören.

www.obongjay.ar

Abgeschminkt

Beady Belle ist seit mittlerweile mehr als 20 Jahren im Geschäft. Doch all jene, die sie bisher nicht wahrnahmen, müssen sich keine Vorwürfe machen. Beady Belle tauchte bisher nicht in top bewerteten Playlists auf und rotierte auch nicht heavy bei gefeierten DJs. Das ist zwar schade und auch unverständlich, denn die Norwegerin bezaubert aufgrund ganz feiner Soulmusik mit Jazzeinschlag und diesen Elfen- und Trollelementen ihrer Heimat.
Doch dafür habt ihr unruhr. Wir legen euch das neue Album von Beady Belle ans Herz. Das erscheint morgen und enthält vielfältige Sounds von Urban Soul über Slam Poetry, Funk, Jazz, R'n'B bis Ambient, Pop und Hip Hop, sogar Psychedelia.
Das hinterlässt Spuren in euren Gehörgängen, wenn diese auf Hinhören geeicht sind. Das Album heißt "Nothing but the truth" und kommt wie der Opener "Truth wide open" ungeschminkt und ganz ehrlich rüber.

www.beadybelle.com

Bitte keine Blumen

Seit 2020 erfreut uns Oehl mit Intensiv-Pop. Die Musik der Wiener Band steht für bedeutungsschwere, emotionale Musik und nach den ersten beiden Alben "Über Nacht" und "100 % Hoffnung" geht's jetzt mit neuem Material weiter.
Der aktuelle Output kombiniert erneut augefeilte Lyrik mit durchdachten Klängen. Diese Melange lässt die Hörer gern mit der Frage allein: Lachen oder weinen? Die Frage lässt sich bei "Keine Blumen" vergleichsweise einfach beantworten, denn hier stehen Tod und Engelschöre im MIttelpunkt. "Keine Blumen" ist der Titeltrack des kommenden Albums, das im August bereit stehen soll und mit "Gedichten zum Tanzen, Tänzen zum Nachdenken" angekündigt wird.
Ihr könnt dann beurteilen, ob Oehl dort weitermacht wo es letztens endete. Ihr werdet allerdings feststellen, das sich zumindest die Besetzung von Oehl geändert hat. Offensichtlich gehört die eine Hälfte des ehemaligen Duos, Hjörtur Hjörleifsson, nicht mehr zur Band.

www.oehlmusik.com

Sindsuche

Sie nennen sich nicht Sindbad, nicht Sindflut oder Syndesmose. Einfach nur Sind. Aus Berlin. Das klingt einfach und kompliziert. Denn Sind hat auch was mit dem Sein zu tun, dem großen.
Die Jungs aus Berlin haben gerade das dritte Album "Kino Kosmos" veröffentlicht und etablieren sich damit als musikalische Kommentatoren für die Generation Y. Deshalb haben die meist gitarrengeleiteten Midtemposongs von Sind immer ein wenig Flair aus der Jugendzeit der Millenials und beschäftigen sich gern mit dem Gestern und Heute der jetzt 30-40-jährigen.
In "Templin" geht's um verflossene Freundschaften. Ein wenig Schwelgen im Damals, begleitet von leicht sentimentalen Gitarren.
Das ist Musik für die Sinnsuche der angeblich sich so viel selbst hinterfragenden Generation Y. Im Wohnzimmer bei traurigen Ploppen des Kronkorkens.

www.sind.tv

Elaborierter Pop

maschajunoMascha Juno ist eine erfahrene Berliner Musikerin und Multiinstrumentalistin. Unterwegs als Orchestermusikerin, in der Theatermusik, im Jazz. In der Szene. Das seit Jahren, und trotzdem kommt erst jetzt das erste Solo-Album der Alleskönnerin.
"Uno" erscheint am kommenden Freitag bei Akkerbouw und ist ein wahnsinnig interessantes Werk geworden. Und zwar interessant im Sinne von wirklich interessant, und nicht von interessant unerträglich. Ihr versteht, was ich meine...
Die elf Stücke von "Uno" bieten alles von Zeltfreizeit-Geklampfe über höchst modernen Electropop bis Cinemascopesound. E-Lab-Pop. Maria, wie Mascha bürgerlich heißt, sagt über die Songs, sie klängen nach Pop. Das ist gar nicht falsch. Aber wie bekommt man es hin, Pop um drei Ecken zu denken und es dennoch eingängig klingen zu lassen?
Mannomann, die Frau hat ein echtes Ding raus gehauen. "Uno" zählt zu den Platten, die man 50mal hört und beim 51. Mal denkt: Ach guck mal.

Also wirklich, "Uno" ist brilliant!

www.mariaschneiderberlin.com

Foto: David Dollmann

Schon gewählt?

Hast du dir diesen Song selbst ausgesucht? Oder wurde er für dich gefunden? Dann hast du aber Glück gehabt mit deinem Algorithmus, denn der neue Song von Charlie Winston windet sich dauerhaft in dein Hirn und verschafft dir sicherlich das ein oder andere Tröpfchen Glückshormon.
Doch nur, wenn du nicht so genau hinhörst. Weil Charlie dir nämlich die Unwägbarkeiten in schmeichelndem Ton um die Ohren haut, denen du dich mit deinem mobilen Endgerät permanent aussetzt. Das tägliche Blankziehen, das Verscherbeln deines Ichs an die Welt hinter deinem Bildschirm, der Ausverkauf deiner Wünsche und Hoffnungen.
In "Algorithm" spricht der Algorithmus zu dir mit Teufels Stimme im Engelsgewand. Er spielt ein gewagtes Spiel mit dir. Spürst du das?

www.charliewinston.com

Lieder vom Land

Erinnert mich das jetzt an die Waltons, an Peter Lustig? Die Kelly Family, die Blues Brothers oder doch an Fleetwood Mac? All diese Reminiszenzen kulminieren letzten Endes aber in Anna Wydra, die jetzt die "Bauwagen Sessions" veröffentlicht hat. Die Sessions enthalten auch das sehr schöne Cover des 45 Jahre alten Stücks "Dreams", das Anna eigentlich nur von  ihren Eltern kennen kann.
Die Sessions in dem Bauwagen irgendwo in Schleswig-Holstein sind das Nachfolgeprojekt zu Anna Wydras Debüt-Album "The absurdity of being". Die letzten Freitag erschienene Live-EP enthält neben der genannten Coverversion von "Dreams" ausgewählte Tracks des Debüt-Albums und unterstreicht die schöne DIY-Ästhetik von Annas Band und deren Gespür für feine Popmusik.
Und hey: Irgend etwas an Anna erinnert doch wirklich an Stevie Nicks oder träume ich?

www.annawydra.de

Schrebergärtner-Punk

Es ist wahrlich keine Überraschung, also verrate ich euch, dass es in "Silent moment" um diese seltenen Momente der Ruhe geht, in denen man ganz bei sich ist. Etwas das mancher beim geliebten Menschen finden kann, ein Anderer auf speziellen Orten der Reise oder der Schrebergärtner auf seiner Scholle.
Oder auch in einem Song wie "Silent moment", der durch Ausgeglichenheit glänzt, geleitet durch ein sich selbst untertreibendes Pianospiel, zurückhaltend ergänzt durch spärliche Drums und ein wenig Gitarre.
"Silent moment" ist die erste Single von So Soon, der Band der beiden Multiinstrumentalisten David Stöbener und Marco Braun. "Silent moment" ist handgeschraubte Musik, die ihr auf der kommenden Debüt-EP von So Soon finden werdet, die ganz bald am 01. Juli erscheinen wird.

www.instagram.com/sosoon_sosoon

Ragga 2 update

Offensichtlich per Messengerdienst verabredeten sich Jay Darkside und die Ragga Twins zum gemeinsamen Musizieren. Was für eine geniale Idee! Das Hackney Reggae-Jungle MC-Duo Ragga Twins ist seit den 80ern im Geschäft, um beständig Jungle, Drum'n'Bass und Garage zu unwiderstehlichem Sound zu verschmelzen. Und man sieht: Das schaffen sie auch heute noch mit veteraner Leichtigkeit.
Das macht sich Producer Jay Darkside gern zunutze und fabriziert mit "Follow we" flugs einen großartigen Breakbeat-Drum'n'Bass-Edit des nicht minder genialen Tunes "Follow fashion", den die Twins gemeinsam mit Wrongtom vor fünf Jahren veröffentlichten.
Solche Tracks wünscht man sich zum Geburtstag!

www.instagram.com/jay.darkside

Der Ton macht die Musik

Das hört sich verdammt nach britischem Soul an, was JISKA auf unsere playlist schmuggelt. Dieser very british sound kommt aber aus Stuttgart und wird in Mannheim verfeinert, denn JISKA gehört in diesem Jahr zum Bandpool der dortigen Popakademie. Der Bandpool ist in der Musik so etwas wie die U21 des DFB.
JISKAs Song "Wings" ist der erste Track der Debüt-EP der jungen Stuttgarterin. Sehr gefühlig im Gesang, nicht aber ohne eine Rotzigkeit im Ausdruck, die in der Zeile gipfelt: "To be honest boy / the best part of my song was your absence". Der Ton macht die Musik!
Die Debüt-EP "Wild blue yonder" erscheint am 01. Juli.

www.jiska.org

Wieder da: Horace Andy-hii-hii-hii

HoraceAndy MidnightRockerEs ist kaum zu glauben, dass die beiden Reggae-Schwergewichte Horace Andy und Adrian Sherwood in mehr als 40 Jahren nicht zueinander gefunden haben. Dabei ist das doch immer ein Erfolgsrezept gewesen, wenn charismatischer Sänger und genialer Produzent gemeinsame Offbeatsache machten.
2022 ist also soweit. UK-Soundgigant Sherwood trifft JA-Urgestein Andy. Adrian machtt Horace ein Bett aus Reggaesounds der letzten 50 Jahre. Roots Rockers, Onedrop, Nyabinghi trifft auf Horace Andys unverkennbares Falsetto und Altherren-Tremolo. Man weiß gar nicht, wer damit wem mehr hilft.
Horace Andy hat seit den 60er mit den wichtigsten Reggae-Producern zuammen gearbeitet: Coxsone Dodd, Bunny Striker Lee, Keith Hudson, Niney the Obeserver. Und die Zusammenarbeit mit Massive Attack seit den 90er Jahren hat seine Popularität in ganz andere Richtungen erweitert. Parallel dazu hat Sherwood mit seinem legendären Label On-U-Sound nicht zuletzt mit "Rainford" bewiesen, einem der letzten Alben von Lee Scratch Perry, dass er jeder Reggaegröße ein perfektes Album auf den Leib stricken kann.
Es ist also nicht überraschend, dass "Midnight Rocker" von großer Qualität ist. Das Album wird es vermutlich nicht auf den Mount Zion (aka Olymp) des Reggae schaffen, aber all denjenigen sehr viel Spaß machen, die es mit der jamaikanischen Volksmusik halten.
Und wem das permanente Leiern Andys auf den Senkel geht, kann sich jetzt schon auf das gesangsfreie Dub-Album zu "Midnight Rocker" freuen, das Sherwood noch für dieses Jahr ankündigt. Dieses Album wird in bewährter Tradition die Schönheit der Riddims ins rechte Licht rücken.

www.on-usound.com